Afrin, Ankara, Kassel – die ideologischen Wellen der „Operation Olivenzweig“

Bereits seit dem 20. Januar greift die Türkei Stellungen der „kurdischen Volksverteidigungseinheit“ YPG in der Enklave Afrin, Syrien an. Mobilisiert wurde für die sogenannte „Operation Olivenzweig“ jedoch nicht nur innerhalb des türkischen Militärs, Präsident Recep Tayyip Erdoğan ist darauf bedacht, die gesamte türkische Gesellschaft zur Verfechterin seiner Sache in Afrin zu machen. Denn in der „Operation Olivenzweig“ geht es nicht nur gegen das Bestreben der YPG, – Schwesterorganisation des türkischen Erzfeindes PKK – in der demokratischen Föderation Nordsyriens, Rojava, südlich der türkischen Grenze eine säkulare und demokratische Gesellschaft aufzubauen. Es geht vielmehr auch darum, Nationalismus und innere Einheit, sowie das Bedürfnis nach türkischer Expansion, ganz in der Tradition des osmanischen Reichs, zu befriedigen. Burak Bekdil beschreibt die derzeitige Stimmung in der Türkei wie folgt: „Die Schlagzeilen der türkischen Presse spiegeln die ganze Bandbreite einer ruhmsüchtigen, eroberungslustigen Stimmung, in der sich neo­osmanischer Nationalismus mit politischem Islam vereint.“[1] Besagte Schlagzeilen sind beispielsweise „Das Militär schlägt zu, die Türkei erhebt sich“, „Niemand kann die türkische Nation bezwingen“ oder „Muslime beten in Mekka für den Sieg der Türkei in Afrin“. Es wird deutlich: Der nationale Stolz, wie so häufig eng verwoben mit islamischer Identifikation, treibt derzeit die türkische Offensive in Afrin voran. Und wer im türkischen Vormarsch nicht mitzieht und den ausgeprägten Nationalgedanken und den gesellschaftsstrukturierenden Islam nicht annimmt oder einfach die Angriffe auf Kurdinnen und Kurden missbilligt, wird zum „Landesverräter“ stigmatisiert und durch Erdoğans Repressalien schnell zum Schweigen gebracht.
Nicht nur die Einwohnerinnen und Einwohner der Türkei bekommen die Wogen der neo-osmanischen Bestrebungen zu spüren, die Afrin derzeit aufwühlt. Auch türkische Communities in Deutschland lässt die „Operation Olivenzweig“ nicht kalt: So rief die Religionsbehörde Diyanet, mit Hauptsitz in Ankara, die ihr unterstellten Moscheen auf, für den türkischen Sieg zu beten. Dem kam auch der deutsche Moscheenverband DİTİB nach, weshalb derzeit in Deutschland von vielen türkischstämmigen Muslimen für den „heiligen Krieg“ gegen die „ungläubigen Kurden“, die „Kollaborateure der postmodernen Kreuzzügler und der Zionisten“ gebetet wird.[2] So berichtete die Hessenschau erst kürzlich von einem Imam im hessischen Stadtallendorf nahe Marburg, der in seinen Gebeten um Seelenheil für die Kämpfer des Islam bat: „Er betete, Gott möge der ruhmreichen Armee im ruhmreichen Kampf helfen. Gott möge die Seelen der Gefallenen segnen, die für die Heimat und den Islam gekämpft hätten.“[3] Ähnliche Gebete waren dieser Tage in den Moscheen der DİTİB in Deutschland vermutlich vielfach zu hören.
Auch in Kassel gab es innerhalb der türkischen Community Statements und Erfolgsbekundungen zur „Operation Olivenzweig“. Die Anhängerschaft der DİTİB-Moschee Kassel Stadt offenbarte erst kürzlich ihre politische Gesinnung. Als Demonstrantinnen und Demonstranten, die sich mit der Verteidigung Afrins solidarisierten, auf der nahegelegenen Holländischen Straße vorbei zogen, posierten mehrere Personen vor der Moschee und zeigten als faschistisch einzuordnende Symboliken; Darunter den „Wolfsgruß“, das Erkennungszeichen der rechtsextremen „Grauen Wölfe“ und das „Rabia-Zeichen“, das Bekenntnis zur islamistischen Muslimbruderschaft.[4] Der Hodscha, der islamische Gelehrte rechts im Bild, toleriert die faschistische Symbolik, mit denen die Demonstrierenden „gegrüßt“ werden, sichtlich unbeeindruckt.


Bilder vor der DİTİB-Moschee im Kasseler Westring

Die der DİTİB ideologisch nahestehende „Union Europäisch-Türkischer Demokraten“, die europäische Lobbyorganisation der AKP, hat sich ebenfalls öffentlich, wenn auch weniger offen radikal, zum Thema Afrin positioniert. Die UETD-Kassel fordert in einem mehrsprachig verfassten Beitrag auf Facebook Unterstützung für die militärische Offensive:
„Die Operation Olivenzweig des türkischen Militärs wurde von Anfang an mit Verbündeten und benachbarten Ländern offen und transparent kommuniziert. Diese Operation hat Frieden und Stabilität zum Ziel. Wir fordern die internationale Gemeinschaft dazu auf, die Operation Olivenzweig zu unterstützen, sich gegen den Terror zu stellen und sich solidarisch mit der örtlichen Bevölkerung und der Türkei zu zeigen“

Das Ganze wird durch Anti-Terror-Beschlüsse des UN-Sicherheitsrates, PKK und PYD werden dazu in eine Reihe mit der Terrororganisation „Islamischer Staat“ gestellt, und den Schutz der NATO-Außengrenzen zu legitimieren versucht. Während kurdische Streitkräfte Zivilisten als Schutzschilde verwendet haben sollen, sei das türkische Militär ganz darauf bedacht, Zivilisten zu verschonen und ausschließlich Terroristen, nicht jedoch Minderheiten, anzugreifen, so die UETD.
Auch eine Moschee im Kasseler Franzgraben, zugehörig zu einem radikalen Dachverband türkisch-islamischer Kulturvereine, der ATİB, äußerte sich zum Thema Afrin. Auf der Facebook-Seite lässt man verlauten, dass auf einen Sieg der „Helden in Afrin“ gehofft und aus diesem Anlass ein Morgengebet in der Moschee gesprochen werde. Die „Operation Olivenzweig“ wird offenbar auch in diesem Fall zu einem heiligen Krieg verklärt, der der Fürbitte bedarf.

Der dschihadistische Charakter der türkischen Mobilisierung wird noch deutlicher:
Der Vorsitzende des Kasseler „Verbands der türkischen Kulturvereine in Europa“, kurz ATB, schreibt auf Facebook von „Märtyrern in Afrin, Kilis und Hakkari“. Er erbittet Gottes Erbarmung und die Aufnahme der besagten Märtyrer ins Paradies sowie die Bestrafung der Feinde durch Gott. Der nationalistisch-islamistische Charakter des Kulturvereins, welcher der türkischen „Partei der großen Einheit“, der BBP, ideologisch nahesteht, wird hier wieder einmal deutlich. Die Anhängerschaft von Verband und Partei ist der faschistischen Bewegung der bereits erwähnten „Grauen Wölfe“ zuzuordnen.

Nicht nur der Vorsitzende der ATB, auch der Vorsitzende der Kasseler ADÜTDF, der sogenannten „Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland“, teilt Inhalte der ideologischen Anhängerschaft der „Grauen Wölfe“ auf Facebook. Zu sehen sind dort unter anderem türkische Soldaten, die, wie die eingangs genannten DITIB-Anhänger, den „Wolfsgruß“ zeigen.

Diese Vielzahl von nationalistischen sowie islamistischen Ausfällen bleibt in Kassel jedoch zumeist, sowohl von der Lokalpolitik, als auch von radikalen Linken, unbeachtet. So „engagieren“ sich drei der fünf genannten Organisationen, nämlich DİTİB Kassel Stadt, ATİB und ATB, im städtischen Rat der Religionen. Das Vertreten von neo-osmanischen Bestrebungen, die schlicht als faschistisch bezeichnet werden müssen, scheint dem Motto der Organisation – „Rat der Religionen – Entdecken was verbindet – Brücken bauen – Frieden leben“ – offenbar nicht gravierend genug entgegenzustehen.[5]

Für uns bleibt es also dabei: Solidarität mit Afrin heißt türkischen Faschismus zu bekämpfen, ob in Kassel oder anderswo!

Raccoons, Februar 2018

[1] Burak Bekdil, Beten für den Süpersieg: https://jungle.world/artikel/2018/05/beten-fuer-den-suepersieg (Zuletzt zugegriffen am 12.02.18).

[2] Anmerkung: Erdoğan sprach vom postmodernen Kreuzzug gegen Muslime, Kurdinnen und Kurden seien Söldner christlicher Imperialisten. Nachzulesen in Ali Ertan Toprak, Militäroffensive auf Afrin. Ein „heiliger“ Krieg gegen die Kurden: http://www.zeit.de/2018/07/militaeroffensive-afrin-tuerkei-syrien-kurden-heiliger-krieg (Zuletzt zugegriffen am 12.02.18).

[3] Volker Siefert, Gut gegen Böse? Imam in Ditib-Moschee betet für türkische Armee: http://www.hessenschau.de/gesellschaft/imam-in-ditib-moschee-betet-fuer-tuerkische-armee,kriegsgebet-100.html (Zuletzt zugegriffen am 12.02.18).

[4] Zur politischen Einordnung der benannten Gruppierungen und der gezeigten Zeichen, sei als Einstieg das Buch von Emre Arslan „Der Mythos der Nation im transnationalen Raum – Türkische Graue Wölfe in Deutschland“ empfohlen.

[5] Internetseite des Kassler Rat der Religionen: http://rat-der-religionen-stadt-kassel.de/ (Zuletzt zugegriffen am 20.02.18)

PM: Faschisten in der Nordstadt – zum Moscheeverband DİTİB

Die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.“, kurz DİTİB, gehört zu den größten und einflussreichsten Moscheeverbänden in Deutschland, ist in zahlreichen städtischen Räten vertreten und trägt in einigen Bundesländern den islamischen Religionsunterricht. Dabei ist längst bekannt, dass DİTİB der Religionsbehörde des türkischen Staates, der Diyanet, unterstellt ist und somit unter direktem Einfluss der faschistoiden Politik Erdoğans steht.
Erst kürzlich zeigte sich auch in Kassel erneut der reaktionäre Charakter der Anhängerschaft der DİTİB. Als am 10.02.18 eine Demonstration über die Holländische Straße, vorbei an der DİTİB-Moschee Kassel Stadt zog, um gegen die militärische Offensive der türkischen Truppen in Afrin zu protestieren, positionierten sich Besucherinnen und Besucher der DİTİB auf der Straße, um die Demonstrierenden zu provozieren. Sie streckten der Demonstration als faschistisch einzuordnende Handzeichen entgegen, darunter den sogenannten „Wolfsgruß“ und den „Rabiagruß“. Beim besagten „Wolfsgruß“ handelt es sich um das Erkennungs- und Grußzeichen der rechtsextremen Gruppierung der „Grauen Wölfe“, der Anhängerschaft der türkischen Parteien MHP (Partei der nationalistischen Bewegung) und BBP (Partei der großen Einheit). Das „Rabiazeichen“ etablierte sich 2013 bei Protesten in Ägypten und kann seitdem als Symbol der global agierenden, sunnitisch-islamistischen Muslimbruderschaft gelten. Die beschriebenen Zeichen wurden gleich am Eingang zur DİTİB-Moschee, im Beisein des Hodscha, einem islamischen Rechtsgelehrten, präsentiert. Dieser (rechts im Bild) tolerierte die faschistische Symbolik sichtlich unbeeindruckt. Die politische Nähe der DİTİB-Anhänger zu Erdoğan, der sich gelegentlich ebenfalls mit besagten Handzeichen ablichten lässt, und einer nationalistisch-islamistischen Ideologie anhängt, wurde wieder einmal wie auf dem Silbertablett präsentiert. Dennoch, die Stadt Kassel hält die faschistischen Auswüchse unterschiedlicher Moscheeverbände, auf die wir schon mehrfach hinwiesen, offenbar nicht für gravierend genug, um die Zusammenarbeit mit den jeweiligen Gemeinden zu beenden. DİTİB und weitere ideologische Gleichgesinnte bleiben nach wie vor im städtischen Rat der Religionen vertreten. Man stelle sich einmal vor, es gäbe ein städtisch bezuschusstes Neonazi-Zentrum inmitten der Kasseler Nordstadt, vor dem Neonazis ungeniert den Hitlergruß zeigten. Der Aufschrei wäre garantiert.
Diese Zusammenarbeit mit Faschisten bleibt untragbar!

Raccoons, Februar 2018

Macht kaputt, was euch kaputt macht – Vortrag und Diskussion mit David Schneider

15.11.2017, 19.00 Uhr | Haus der Jugend | Mühlengasse 1

Am 28.08.2017 gaben Polizei und Staatsanwaltschaft in Oldenburg die Ermittlungsergebnisse der Sonderkommission Kardio bekannt: der frühere Krankenpfleger Niels Högel soll zwischen 2000 und 2005 in zwei Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst mindestens 90 Menschen umgebracht haben. Högel, der in den Intensivstationen der beiden Krankenhäuser tätig war, hatte einer bis dato unbekannten Anzahl von schwerkranken Patienten Medikamente injiziert, die unter anderem Herzversagen auslösen. Högel habe immer wieder Patienten überdosiert und sie im Anschluss wiederbelebt, um bei erfolgreicher Mission vor Kollegen als Lebensretter dazustehen. Im Fokus der Ermittler standen neben dem Krankenpfleger auch verantwortliche Mitarbeiter der betroffenen Kliniken. In beiden Krankenhäusern habe es anlässlich der auffällig hohen Todesraten Gerüchte, aber keine Konsequenzen gegeben. Der zuständige Polizeichef vermerkte, dass die Morde hätten verhindert werden können, wenn in den betreffenden Kliniken den Verdachtsmomenten nachgegangen worden wäre.

Sonderlich groß war das Interesse an der Thematisierung der institutionellen und personellen Zustände, die eine solche Mordserie ermöglichen, ohne dass die tödlichen Menschenversuche jemandem auffallen, auch außerhalb der beiden Kliniken nicht. Der mediale Aufschrei blieb aus. Abgasskandale in der Autoindustrie, böse Worte von Populisten oder der Kontostand von Boris Becker, all das bringt die Deutschen eher in Wallung als die herrschenden Zustände im Medizin- und Pflegebetrieb. Dass Krankenhäuser oder Pflegeheime zu den gefährlicheren Aufenthaltsorten in diesem Land zählen, ist indessen hinreichend dokumentiert. In einer im Juni dieses Jahres veröffentlichen Befragung zur Gewalt in Pflegeheimen durch das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) gaben fast zehn Prozent der Pflegedienstleister und Qualitätsbeauftragten an, dass es „oft“ oder „gelegentlich“ zu körperlicher Gewalt gegen die Bewohner komme. 40 Prozent sprachen davon, dass körperliche Übergriffe „selten“ geschehen.

Das öffentliche Desinteresse angesichts der Misshandlungen von Ausrangierten korrespondiert mit einem immer offener zutage tretenden Ressentiment gegen Alte, Schwache und Abgehängte, die vor allem deswegen beargwöhnt werden, weil sie dem Idealbild des flexibilisierten Subjekts entgegenstehen. Nix leisten, aber beim Rumliegen kosten: das ist gemeint, wenn von Kostenexplosionen im Sozialsystem und Ähnlichem die Rede ist. Als unbequeme Problemfälle gelten chronisch Unterstützungs- und Hilfsbedürftige auch, weil die Versorgung und Verwaltung tendenziell Überflüssiger sozialstaatliche Maßnahmen erforderlich macht, die die Apologeten der Eigenverantwortung und des Rückbaus sozialer Sicherungssysteme am liebsten ganz abschaffen würden, während die, die körperlich nicht oder nicht mehr mitkommen, daran erinnern, dass das konkurrenzbefeuerte Abstrampeln endlich ist. Die Katastrophenszenarien zur Überalterung der Gesellschaft sind genauso wie die als Antifaschismus getarnten Hassbotschaften gegen ‚alte weiße Männer‘ immer auch als Drohungen an die Adresse derjenigen zu lesen, die beim Vormarsch der vitalen Aktivbürger auf der Strecke bleiben.

Im maroden Gesundheitssystem, also dort, wo Menschen in unmittelbarer Weise von anderen abhängig sind und wo Fachleute Zugriff auf Leib und Leben derer haben, die ihnen anvertraut sind, kommt das Wesen der herrschenden Gesellschaftsordnung unverhüllt zum Vorschein. Misst man die Linke an ihrem Anspruch, dem herrschenden Unheil etwas entgegensetzen zu wollen, hätte sie sich in kritischer Absicht mit den erniedrigenden Zuständen in den zeitgenössischen Menschenverwahranstalten zu befassen. Möglicherweise ist es für alle Beteiligten jedoch besser, dass die Linken bei ihren staatsantifaschistischen Empörungsritualen, ihrem albernen Selbstverwirklichungstheater und dem rührseligen Identitätskarneval der Geschlechter und Ethnien bleiben, denn was dabei herauskommt, wenn antikapitalistische Aktionisten die Trillerpfeife gegen rechts beiseite legen und plötzlich die Lust am Engagement für bessere Arbeitsverhältnisse im Gesundheitssektor entdecken, bezeugt ein jüngst veröffentlichtes Video der Interventionistischen Linken. Darin ist ein gutes Dutzend schamfrei herumhampelnder Interventionisten in Krankenhauskluft zu sehen, die in der Berliner Charité unter dem Motto „Das Leben ist keine Ware!“ eine kollektive Tanzeinlage zu Rihannas auf bauchlinkes Niveau zurechtgetexteten Song „Umbrella“ zum Besten geben, die vor allem die Frage aufwirft, was hier erstaunlicher ist: das infantile Politikverständnis des heutigen Linksradikalismus oder die Unbekümmertheit, mit der man sich selbst zum Affen macht.

Dass in einer Mischung aus Kindertanzgruppe und therapeutischer Theatergruppe aufs Kitschigste herumgeblödelt wird, wo schonungslose Kritik anstünde, ist Ausdruck der allgegenwärtigen Unfähigkeit, sich mit gesellschaftlichen Verhältnissen ernsthaft zu befassen, geschweige denn sie zu kritisieren. Dass die linken Unternehmungen auch dort, wo sie auf einen unbedingt kritikwürdigen Gegenstand treffen, weitaus mehr mit einem Kreativworkshop zur Vorbereitung auf die prekäre Berufsstätigkeit im Dienstleistungssektor als mit materialistischer Kritik zu tun haben, ist die Folge eines politischen Verfallsprozesses, in dem sich die Linke seit ihrer Verabschiedung von der Kritik der politischen Ökonomie befindet. Der Ursprung liegt einige Jahrzehnte zurück und beginnt irgendwo dort, wo man sich vom Proletariat verabschiedete und auf die Suche nach neuen politischen Subjekten und erfüllenden Initiativen machte. Man will seither nichts mehr von der Welt – außer ein bisschen Anerkennung fürs Mitmachen. Vorbei ist die Zeit, in der die Parole „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“ immerhin für eine Wut auf das falsche Leben stand.

Im Vortrag wird dargelegt, dass mit dem Proletariat auch die Kritik gesellschaftlicher Produktions- und Reproduktionsverhältnisse verabschiedet wurde, an deren Stelle eine schrille pseudoindividualistische Befindlichkeitspolitik gerückt ist, die der sinnlosen Schufterei im Dienste des Kapitals nicht nur nichts entgegenzusetzen hat, sondern sie stützt. Es soll außerdem in Erinnerung gerufen werden, dass der Kampf für mehr Lohn und mehr Feierabend sowie die Kritik der spätkapitalistischen Menschverwahrung keine Marotte aus der Rubrik Sozialromantik ist, sondern ein notwendiger Beitrag zur Verteidigung der Zivilisation.

Islamische FaschistInnen in der Nachbarschaft geoutet

Gestern haben wir 600 Flugblätter in deutscher und türkischer Sprache in der Nachbarschaft des „Verband der türkischen Kulturvereine in Europa“ in der Bunsenstraße 73a verteilt.

„Liebe NachbarInnen,

in der Bunsenstraße 73a betreibt der „Verband der türkischen Kulturvereine in Europa“ – abgekürzt ATB – ein Vereinsheim, verbunden mit einer angrenzenden Moschee.
Der harmlos klingende Dachverband ist die europäische Organisation einer islamistisch-nationalistischen Partei in der Türkei, der „Büyük Birlik Partisi“ (auf deutsch: „Partei der großen Einheit“); einer Partei, deren AnhängerInnen in der Türkei sogar politische Morde zugerechnet werden. Ganz aktuell organisierte eine der Partei nahe Bewegung eine Demonstration wegen der israelischen Sicherheitsmaßnahmen auf dem Tempelberg. Dabei wurde versucht die Synagoge in Istanbul zu stürmen. Das Vereinsheim in Kassel ist nach dem Vorsitzenden der Partei Muhsin Yazıcıoğlu benannt und das Logo der BBP prangt auf dem Namensschild.
Entstanden ist die Partei in den 1990er Jahren als eine Abspaltung der türkischen „Partei der nationalistischen Bewegung“. Die türkische Partei BBP und auch der europäische Ableger ATB betonen im Gegensatz zur „Partei der nationalistischen Bewegung“ viel stärker islamische Elemente. Auf einer Internetseite der Jugendabteilung des ATB wird der islamistische Nationalismus der Organisation deutlich. In einer kurzen Schrift hieß es 2004: „Ich schwöre auf Gott, Koran, Vaterland, Nation, Fahne und Waffe… Unsere Märtyrer und Veteranen sollen sicher sein. Wir, als die Ülkücüs [türkisch: Idealisten – eine Selbstbezeichnung türkischer NationalistInnen]1 von Nizam-ı Alem (Weltordnung), werden für die Herrschaft der Gottesordnung in unserem Land und auf der Erde kämpfen. Unser Kampf wird mit dem Aufbau einer muslimischen und unabhängigen Großtürkei anfangen und bis zu unserem letzten Atemzug, letzten Soldaten und letzten Tropfen unseres Blutes weitergehen. […]“. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass sich an dieser Weltanschauung etwas geändert hat.
Funktion der einzelnen ATB-Vereine ist die Schaffung einer türkisch-islamischen Identität gekoppelt mit dem Vertreten der Interessen der türkischen Nation; Zielgruppe sind besonders die Generationen, die in Deutschland geboren sind. Dazu werden die Zentren – auch das Kasseler – mit nationalistischer und islamischer Symbolik und Bildern von Parteifunktionären der BBP geschmückt, PolitikerInnen der Partei zu Veranstaltungen nach Deutschland eingeladen und türkische Politik in Deutschland unterstützt. Im letzten Jahr organisierte der Kasseler ATB-Verein einen Bus zur Pro-Erdogan Kundgebung in Köln, faschistische Symbolik wie die Fahne der drei Halbmonde und der Wolfsgruß wurden dabei offen zur Schau gestellt.
Der ATB ist mit drei anderen Organisationen in Deutschland der türkisch-nationalistischen Ülkücü-Bewegung zuzurechnen, stellt aber mit etwa 20 Vereinen bundesweit den kleinsten Teil. Insgesamt beläuft sich die offizielle Mitgliederzahl der drei deutschen Organisationen auf über 18.000, zu denen von Sicherheitsbehörden weiterhin circa 20.000 AnhängerInnen dazugerechnet werden.
Obwohl die inhaltliche Ausrichtung der türkischen BBP und des europäischen Verbands ATB klar scheint, kann der Kasseler Verband seine Aktivitäten weitestgehend ungestört ausleben, regelmäßig Veranstaltungen und bundesweite Vernetzungstreffen organisieren und Jugendliche der Ideologie gemäß schulen.

Wir wollen diese Aktivitäten nicht unwidersprochen hinnehmen und rufen auch Sie auf, gegen faschistische Bestrebungen in der Nachbarschaft vorzugehen!“

1) Anmerkung der VerfasserInnen

Islamisierter Pseudofeminismus

Islamisierter Pseudofeminismus
-Anmerkungen zu einer Veranstaltung mit Lana Sirri im Rahmen des „Lady*fest“

Nachdem die kasseler Initiative „No one is illegal 2017″ erst im vergangenen Juni zum gemeinsamen Fastenbrechen aufgerufen hatte,[1] ist man nun auch beim queerfeministischen „Lady*fest“ bemüht, die Islamisierung der Linken voranzutreiben.
So findet sich im diesjährigen Veranstaltungsprogramm ein Vortrag von Lana Sirri mit dem paradoxen Titel „Islamische Feminismen“. Im Rahmen der Veranstaltung sollen unter anderem „geschlechter- und sexualitätssensible Interpretationen der heiligen Texte“ diskutiert werden, um der „weiß-deutschen, auch feministischen Öffentlichkeit“ die „starke Skepsis, Missachtung und Unkenntnis“ bezüglich der „Verbindung von Islam und Feminismus“ auszutreiben.[2]
Man darf gespannt sein, wie die Geschlechtersensible Interpretation der Sure 4:34 aussehen wird:

»Die rechtschaffenen Frauen sind gehorsam und sorgsam in der Abwesenheit (ihrer Gatten), wie Allah für sie sorgte. Diejenigen aber, für deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet – warnt sie, verbannt sie aus den Schlafgemächern und schlagt sie.«

Bevor wir erläutern, warum nicht bloß die islamischen Quellen, sondern auch der gelebte Mehrheitsislam genug Anlass zu jener Skepsis geben, die für die Veranstalter offenbar ein Problem darstellt, sei zunächst die Referentin vorgestellt.
Lana Sirri promovierte zu „Islamischem Feminismus“ am „Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien“ der Humboldt-Universität Berlin und ist heute Juniorprofessorin für Gender und Religion an der Universität Maastricht. Trotzdessen sie in Tel Aviv-Jaffa geboren wurde und dort studiert hat, ist sie überzeugte Antizionistin und fühlt sich nach eigener Aussage, während sie sich in Europa in erster Linie als Muslimin verstehe, unter dem „israelischen Regime“ als „Palästinenserin“. Im Jahr 2016 unterzeichnete Sirri einen Boykottaufruf der antisemitischen BDS-Bewegung mit dem Titel „Palästinenser, Afrikaner und die Gegner von Kolonialismus lehnen Apartheid ab“.[3] Das zu verhindernde Verbrechen: Ein geplantes Entwicklungsprojekt in Afrika durch eine Kooperation zwischen der Robert-Bosch-Stiftung und dem Jüdischen Nationalfonds (KKL). Die Robert-Bosch-Stiftung sagte die Zusammenarbeit schließlich ab.[4]
In diesem Jahr erschien Lana Sirris Buch „Einführung in islamische Feminismen“. Das Vorwort dazu durfte passenderweise Kübra Gümüşay verfassen, eine „Netz-Aktivistin“, die sich beispielsweise dadurch auszeichnet, unter dem Label des „Feminismus“ und damit der geschichtlichen Wahrheit des Begriffs zum Hohn, für den Hijab, das Propagandasymbol und Exekutionsmittel der islamischen Geschlechtsapartheit, oder hin und wieder gar für Burka und Niqab zu werben;[5] wenn sie nicht gerade damit beschäftigt ist, die Islamfaschisten und Nationalisten der Millî Görüş als unbescholtene und diskriminierte Opfer des Verfassungsschutzes zu stilisieren, [6] bei gleichzeitiger Diskreditierung kritischer Individuen als „Haustürken“, abgeleitet von der Bezeichnung der „Haussklaven“ aus der Sklavenzeit.[7]

»O Prophet, sag deinen Gattinnen und deinen Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie sollen etwas von ihrem Überwurf über sich herunterziehen. Das ist eher geeignet, daß sie erkannt (als freie, ehrbare Frauen) und so nicht belästigt werden.« Sure 33:59

Wie Gümüşay macht auch Sirri keinen Hehl daraus, dass sie keinerlei Interesse daran hat, Frauen die Emanzipation »vom« Islam und den notwendig korrespondierenden Zwangsverhältnissen zu erleichtern. Vielmehr postuliert sie, die Befreiung könne »in« der Religion verortet werden: “Many mainstream feminists don’t believe that women can find liberation in religion.” Sie geht sogar noch weiter und erdreistet sich, offen kundzutun, worum es ihr statt der Emanzipation der Frauen tatsächlich geht – die Ehrenrettung des Islam: „One of FEMEN’s founders actually said that Muslim women don’t know what it’s like to be free and that Islam oppresses women. In this way you’re promoting an Islamophobic discourse.“[8] Wer also die alltägliche Evidenz des Misogynen Islam thematisiert, stellt für Lana Sirri eine Gefahr dar. Ihr Unterfangen besteht darin, die barbarische Realität hinter einem Schleier zu verbergen und durch Kampfbegriffe, wie den der „Islamophobie“, vor Kritik zu wahren. Doch das darf und wird nicht von Erfolg sein.
Zu eindeutig ist die Wirklichkeit, die sich nicht weginterpretieren, sondern vielmehr deutlich werden lässt, weshalb neben den Quellen auch das alltäglich gelebte Geschlechterverhältnis des Islam nicht gerade zu einer Zusammenführung desselben mit emanzipatorischen Kämpfen einlädt.
So bejahten im Zuge einer umfangreichen Studie des PEW Research Center aus dem Jahr 2013 die Frage, ob eine Frau immer ihrem Mann zu gehorchen habe, 65% der türkischen, 96% der malaysischen, 94% der afghanischen und 93% der tunesischen Muslime. In den palästinensischen Gebieten stimmten 87% zu.[9]

»Eure Frauen sind euch ein Saatfeld. So kommt zu eurem Saatfeld, wann und wie ihr wollt.« Sure 2:223

Nirgends dürfte sich jedoch aktuell die Misogynie der islamischen Welt wie auch die Heuchelei der Pseudofeministinnen klarer manifestieren, als im Umgang mit der tatsächlichen Frauenrechtlerin Seyran Ateş. Ateş, die im Deutschland des Jahres 2017 unter ständigem Polizeischutz stehen muss, da sie es gewagt hat, eine liberale Moschee ohne Geschlechtertrennung zu eröffnen, wurde nicht nur von zahlreichen Predigern, sondern auch von zwei einflussreichen Religionsbehörden verurteilt. Sowohl die türkische Religionsbehörde Diyanet, als auch die ägyptische Fatwa-Behörde Dar al-Iftam sprachen angesichts der Moscheeeröffnung von einem „Angriff auf den Islam“, womit Ateş nach islamischem Recht faktisch vogelfrei ist.
Im Gegensatz zu Sirri und Gümüşay trachtet Seyran Ateş nicht danach, den Feminismus zu islamisieren, sondern unterzieht den Islam im Gegenteil einer scharfen Kritik und fordert entschieden universelle Werte ein, die mit zentralen Prinzipien des Islam brechen. Dass sie mit diesem Unterfangen nicht auf die Unterstützung der Pseudofeministinnen zählen kann, hat sie früh festgestellt:
Seyran Ateş: „Ich bin beleidigt, dass die deutschen Feministinnen, die ganzen Gender-Abteilungen, nicht für uns auf die Straße gehen oder hierherkommen und Solidarität bekunden.“
Hamed Abdel-Samad: „Weißt du, wann du von ihnen Solidarität kriegen kannst? Wenn du Burkini trägst und damit schwimmen willst, dann sind sie alle hinter dir.“
Seyran Ateş: „Genau, oder wenn ich Burka tragen will und sage: ‚Das ist die Freiheit unter dem Schleier!‘“[10]
Mit ihrem Kampf steht Ateş in der Tradition der iranischen Frauen, die 1979, kurz nachdem die „Islamische Revolution“ stattgefunden hatte, gegen den Schleier demonstrierten und dabei skandierten: „Freiheit ist nicht östlich und nicht westlich, sondern universell!“.[11] Die basale Erkenntnis hinter der Parole besteht darin, dass es nur eine Menschheit gibt. Eine Erkenntnis, die Ergebnis der Aufklärung ist, die die Menschen zum ersten Mal als Individuen und nicht als Teile fester Kollektive wie Stamm, Sippe oder Kultur, betrachtete. Eine Erkenntnis, hinter die postmoderne Theoretiker wie Lana Sirri heute zurückfallen, wenn sie konstatieren: „Islamic feminists fight against how some Western ‘feminists’ try to impose their own ideas and desires on others.“[12] Denn dieser Kulturrelativimus bedeutet in der Praxis nichts anderes, als die Verweigerung, Frauen in islamischen Ländern die gleichen Rechte zuzugestehen, wie westlichen Frauen, sprich: die Möglichkeit, unverschleiert, selbstbestimmt und wenigstens in einem bürgerlichen Sinne frei zu leben.

»Und sag zu den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham hüten« Sure 4:31

Die iranischen Mullahs warfen den demonstrierenden Frauen von 1979 „Islamophobie“ vor und verwendeten damit den gleichen Kampfbegriff, [13] den Lana Sirri heute gegen die protestierenden Frauen von Femen, und damit stellvertretend an alle Islamkritiker, richtet. Sie macht damit unmissverständlich klar, in wessen Tradition und auf welcher Seite der Barrikade sie steht.
Die Frauen im Iran haben den Kampf verloren, Seyran Ateş noch nicht. Doch die Feinde der Aufklärung werden weiter daran arbeiten, dass es irgendwann so komme. „Unser Gegner ist der Universalismus des eurozentrischen, weißen, paternalistischen Feminismus.“ sagt Lana Sirri und verrät damit nicht nur Ateş und jene Frauen im Iran, die noch Hoffnung haben, sondern alle Menschen weltweit, die tagtäglich unter dem Islam und seinen Zumutungen zu leiden haben.

Raccoons – Kommunistische Gruppe, August 2017

Quellen:
[1] https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=1423327371066915&id=132621850137480
[2] http://ladyfestkassel.tumblr.com/feminismen
[3] http://www.gazamussleben.at/data/gaza/unterzeichner_offener_brief_boschstiftung.pdf
[4] http://www.audiatur-online.ch/2016/03/15/liebe-auf-den-ersten-blick/
[5] http://ein-fremdwoerterbuch.com/2010/10/yeah-burqa-in-frankreich/
[6] http://www.taz.de/!5099569/
[7] http://www.achgut.com/artikel/haustuerken_und_andere_sklaven
[8] https://www.maastrichtuniversity.nl/news/islamic-feminist-maastricht-academia
[9] http://www.pewforum.org/2013/04/30/the-worlds-muslims-religion-politics-society-women-in-society/
[10] http://www.bild.de/politik/inland/youtube/sperrt-islamkritisches-video-weil-hassprediger-protestierte-52878706.bild.html
[11] http://de.stopthebomb.net/text-audio-und-video/texte-aus-der-stb-koalition/fathiyeh-naghibzadeh-zum-8-maerz.html
[12] Siehe 8.
[13] http://www.salzborn.de/txt/2012_islamophobie.pdf