Redebeitrag gegen Burschenschaftsseminar

Ehre, Vaterland und reaktionäre preußische Tugenden…drauf geschissen!

Genau heute vor einem Monat erinnerten wir, erinnerten Antifaschist_innen an die Novemberpogrome von 1938. Die vom nationalsozialistischen Regime organisierten Verbrechen gegen Juden und Jüdinnen spiegelten die deutsche Fratze und deren Antisemitismus wieder, welcher in der Shoa, der industriellen Ermordung von 6 Millionen Menschen gipfelte.
Heute, am 09.12.2012, genau einen Monat später, gehen wir wieder auf die Straße um gegen Antisemitismus, nationalen Stumpfsinn, Rassismus, Homophobie und all den menschenverachtenden Dreck zu demonstrieren, der auch nach so langer Zeit noch immer in vielen Köpfen vorherrscht. Anlass für diese Demonstration ist das für heute angesetzte Seminar der Burschenschaft Germania Kassel. Hierzu wurde auch Bruno Burchart, Alter Herr der Burschenschaft „Olympia Wien“, auch ein Mitglied der Deutschen Burschenschaft, eingeladen, der unter anderem für die rechte Zeitung „Junge Freiheit“ Artikel schrieb und 2010 bei der Burschenschaft Reihenfranken in Marburg einen Vortrag über die „Zukunft der deutschen Volksgruppe in Europa“ gehalten hat.

Dass die Burschenschaft Olympia Wien nicht nur theoretisch nationalsozialistische Denkstrukturen aufweist sondern durchaus auch praktische Aktionen ausführte, zeigten die Ereignisse im Jahr 1961. Damals wurde die Olympia auf Grund einer Anschlagsserie in Südtirol, bei der mehrere Menschen ums Leben kamen und in die mehrere ihrer Mitglieder verwickelt waren, von den Behörden verboten. Die Anschläge wurden im Kontext der deutschen Autonomiebewegung in Südtirol begangen, eine Angliederung Südtirols an Österreich und Österreichs an Deutschland war das erklärte Ziel dieser Bewegung. 1971 formierten sich die Burschen der Olympia schließlich neu.
Die Germania Kassel ist ebenfalls Mitglied der Deutschen Burschenschaft, einem ultra-rechten Dachverband deutscher Burschenschaften. Zuletzt in die öffentliche Kritik geriet dieser durch die Diskussion um einen „Ariernachweis“ für Mitglieder, der auch von der Burschenschaft Kassel unterstützt wurde. So sollte eine Burschenschaft aus dem Dachverband ausgeschlossen werden, weil sie ein Mitglied aufgenommen haben, welches aufgrund seiner unmittelbaren Vorfahren nicht der „arischen Norm“ entspräche. Spätestens hier wird klar, welches Denkraster innerhalb der Thinktanks des Dachverbandes vorherrscht. So ist es auch nicht mehr verwunderlich, dass sie seit Jahren beim Burschentag in Eisenach im Rahmen des Wartburgfestes einen Fackelmarsch durchführen, bei dem alle 3 Strophen des Deutschlandliedes gesungen werden.

Dieser Aufzug erinnert nicht nur in seiner Ästhetik an den deutschen Faschismus. Auch inhaltlich hat sich die deutsche Burschenschaft bis heute nicht mit der eigenen Mittäterschaft während des Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Die Deutsche Burschenschaft versteht sich im Gegensatz zu anderen Dachverbänden als explizit politische Organisation, innerhalb derer nur „deutsche Männer“ aufgenommen werden. Teil ihrer politischen Agenda ist bis heute die Maxime, Polen und Österreich Deutschland wieder anzugliedern, womit sie zumindest nach der Forderung der Rückeroberung der Ostgebiete, den geschichtsrevisionistischen heimatvertriebenen Verbänden in nichts nachstehen.

Um die Germania Kassel gab es zuletzt 2004 Furore, weil sie den, inzwischen verstorbenen, bekennenden Antisemiten, Holocaust Leugner und Neonazi Jürgen Rieger für einen Vortrag zum Thema „Ehre, Freiheit, Vaterland“ einlud. Bei dem Vortragstitel handelte es sich zudem auch um den Wahl-Spruch der Germania Kassel. Diese Veranstaltungen haben aber Tradition, haben sie doch schon 1992 ein „Konzert“ mit dem Neonaziliedermacher Frank Rennicke veranstaltet.

Ehre, Vaterland und ein kruder Freiheitsbegriff? Ab in die Tonne!

Eine Definition des Freiheitsbegriffes durch reaktionäre Männerverbindungen kann nur in der Unfreiheit selbst enden, zeigte doch die Geschichte selbst, wohin das „zu viel an Freiheit“ führte wenn man eben jene den Falschen überlässt. Die Burschenschaften waren und sind in diesem Zusammenhang dankbare Mittäter und geistige Trittbrettfahrer. Sei es deren Beteiligung an Hitlers Putschversuch beim Marsch auf die Feldherrnhalle oder die heutigen personellen Überschneidungen mit NPD-Kadern und der radikalen Rechten.

Eine emanzipatorisch befreite Gesellschaft benötigt keine Männerverbindungen, keine patriarchale Strukturen, keine heimatverliebten Akademiker, keine elitären Patrioten. Um das schönere Leben in einer befreiten Gesellschaft zu erreichen, reicht es nicht aus, Männerverbindungen wie die Burschenschaft Germania Kassel aufzulösen, es muss vielmehr ein gesellschaftliches Umdenken stattfinden. Ein Umdenken, welches sich anderen gegenüber solidarisch zeigt. Ein Umdenken, in welchem erkannt wird, dass der NSU mit seinen abscheulichen Morden nicht die einzigen gefährlichen Nazis auf Bundesebene sind. Der Abzug wird meistens schon im Kopf gedrückt, bevor es auf der Straße zum realen Verbrechen kommt.
Wir werden uns alten oder neuen Nazis auch in Zukunft in den Weg stellen, gleich welchen Bildungsabschluss sie besitzen.

Ehre, Vaterland, reaktionäre, preußische Tugenden? Drauf geschissen

Wir sagen : Keine Verbindung zur Nation!

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